Frankfurter Rundschau, 1. Juli 2000

    Korrektur der Rechtschreibreform vorbereiten – jetzt

Die Rechtschreibdiskussion lebt wieder auf. Kritiker berufen sich auf erste praktische Erfahrungen mit den neuen Schreibweisen. Gezeigt wird, dass Wörterbücher literarische Zitate verhunzen, dass Schüler nicht weniger, sondern mehr Fehler machen als früher. Und jeder hat eine Sammlung von absurden Fehlschreibungen parat, die er sich bei der täglichen Zeitungslektüre zusammengestellt hat. Die Berichte sind glaubhaft, aber die Debatte hat keine Richtung. Die meisten Kritiker bestehen auf Herstellung des Zustandes von vor 1996. Sie wollen mit dem Kopf durch die Wand.
   Mehr als neunzig Prozent der erwachsenen Deutschen verwenden nach wie vor die alte Orthographie. Trotzdem ist ein Großteil der Texte, die uns täglich begegnen, mehr oder weniger konsequent der Neuregelung verpflichtet. Dazu trägt vor allem die Umstellung der Presse bei. Aber man täusche sich nicht. Die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften etwa haben nicht umgestellt, ein erheblicher Teil der Buchproduktion ebenfalls nicht. Wir leben in einer Periode der Orthographiespaltung.
   In Deutschland sind die Kultusminister für die Neuregelung verantwortlich. Sie haben erklärt, dass während der Übergangszeit bis 2005 festgestellt werden soll, welche Bestandteile der Neuregelung akzeptiert werden und welche nicht. Danach habe man die Möglichkeit zu entsprechenden Modifikationen. Was geschieht eigentlich, um diesen wichtigen Schritt vorzubereiten? Der zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Orthographie soll auf deutscher Seite ein Beirat zugeordnet werden, dem keine Fachleute angehören. Österreich und die Schweiz wollen den Beirat nicht mittragen.
  Zweitens plant die Kommission Umfragen und Gespräche über die Akzeptanz der neuen Schreibweise in der Schule. Im Lande Brandenburg wurden dazu Personen angeschrieben, die an der Umschulung von Lehrern beteiligt waren. Sie werden nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen gefragt. Von Akzeptanz kann aber nur dann gesprochen werden, wenn eine Mehrheit den neuen Regelungen tatsächlich folgt. Festgestellt werden kann das allein mit den üblichen Verfahren der empirischen Sozialforschung, zum Beispiel so: Man führt eine Erhebung über das Rechtschreibverhalten von Schülern durch. Es dürfte ausreichen, wenn die Fehler von etwa jeweils zweitausend Schülern in der dritten/vierten und siebten/achten Jahrgangsstufe, verteilt auf zwei oder drei Regionen, fortlaufend über einige Jahre erfasst werden. Zu untersuchen sind in erster Linie Texte, die frei geschrieben werden, also insbesondere nicht Diktate.
   Aussagekräftig ist auf der anderen Seite das Verhalten von Personen, die regelmäßig und viel schreiben, zum Beispiel von Journalisten. Auszuwerten wären Texte, die nicht über große Nachrichtenagenturen laufen, sondern die auf direktem Wege gedruckt werden, ohne dass sie von Computerprogrammen im Sinne der neuen Schreibung korrigiert worden wären, also Texte aus der Lokalberichterstattung, der lokalen Sportberichterstattung und so weiter.
Insgesamt gewönne man so ein fundiertes Wissen darüber, was beim durchschnittlichen Unterricht in neuer Orthographie herauskommt und was beim unbeaufsichtigten, mehr oder weniger spontanen Schreiben hochliteralisierter erwachsener Schreiber geschieht. Die bisher vorliegenden punktuellen Erfahrungen reichen nicht aus, wenn das Ziel darin bestehen soll, den Rechtschreibfrieden wiederherzustellen. Das gilt für die von dem Leipziger Erziehungswissenschaftler Harald Marx durchgeführten Schülertests genauso wie für unsere Daten aus der Potsdamer Sprachberatung (etwa 2000 Anfragen zur neuen Orthographie) oder für bereits vorliegende Untersuchungen zur Schreibung in der Presse.
   Die Ergebnisse einer empirischen Erhebung müssten dazu führen, dass im Jahr 2005 gezielt Änderungen an den amtlichen Schreibweisen vorgenommen werden. Niemand in der Kultusministerkonferenz verlöre sein Gesicht, denn man täte nur das, was man angekündigt hat. Und die Kritiker könnten sicher sein, dass ein Um- und Rückbau in die richtige Richtung ginge, selbst wenn er nur die größten Absurditäten beseitigte.
   Das Ganze würde Geld kosten, gewiss. Bei sorgfältiger Planung dürften die Kosten um eine Million Mark, verteilt auf ungefähr drei Jahre, liegen. Gut angelegtes Geld, wenn damit ein politischer wie kulturpolitischer Skandal beendet würde.

Der Verfasser ist Professor für deutsche Philologie  an der Universität Potsdam. Er wurde 1997 in die Kommission für deutsche Orthographie berufen. Ein Jahr danach verließ er die Kommission unter Protest, weil die Kultusminister die von ihnen selbst in Auftrag gegebenen Änderungsvorschläge der Kommission zurückgewiesen hatten

    September 2000
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