Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Januar 2001
Zehn hoch minus acht
Die amerikanische Bevölkerung hat sich genau zählen lassen
SAN FRANCISCO, Anfang Januar
Das Zählen, so sagen Mathematiker, ist eine eindeutige Zuordnung von natürlichen Zahlen zu Objekten. Begonnen wird stets mit der Zahl Eins, und mit jedem neuen Objekt wird der Zähler um eins heraufgesetzt. Auf die Weise lernen Kinder mit den Fingern zählen, mit dem
gleichen Verfahren kann man aber auch – zumindest theoretisch – bis in den abstrakten Bereich “abzählbar unendlich” großer Mengen vorstoßen. Nachdem Amerika im Anschluß an die Präsidentschaftswahl in den Wochen vor Weihnachten gezeigt hat, wie schwierig das Zählen sein kann, gab die Regierung in Washington kurz vor dem Ende des alten Millenniums das Ergebnis einer weiteren Zählung bekannt: Die ersten 281 421 906 natürlichen Zahlen wurden dabei jeweils einem Einwohner der Vereinigten
Staaten zugeordnet. Das jedenfalls ist das offizielle Resultat der Volkszählung vom April 2000.
Die Zahl zweihunderteinundachtzig Millionen vierhunderteinundzwanzigtausendneunhundertsechs vermittelt mit ihrer Genauigkeit höchste Autorität. Es gibt nicht 280 Millionen Einwohner der Vereinigten Staaten oder etwa 281 500 000. Nein, die Menschen im Land zwischen New York und Los Angeles wurden bis auf neun Stellen exakt gezählt. Die amerikanische Bevölkerung ist demnach
mit einer Genauigkeit von “zehn hoch minus acht” bekannt. Sie ist also auf ein Millionstel Prozent genau bestimmt. Selbst in der Physik mit ihrer ausgefeilten Meßtechnik gibt es wenige Messungen, deren Meßergebnis einen derart geringen Fehler aufweist. Sogar manche Naturkonstanten sind nicht einmal mit einer solchen Präzision bekannt.
Die Autorität, die eine derart genaue Zahl vermittelt, wird auch höchsten Ortes wahrgenommen – im Kapitol von Washington nämlich. Dort wird nun
die Zahl der Einwohner Amerikas mit einer weiteren Zahl kombiniert, die in der amerikanischen Politik die gleiche Bedeutung wie eine Naturkonstante in den Naturwissenschaften hat. Diese Zahl lautet 435. Sie gibt die Menge an Sitzen im Repräsentantenhaus an, der zweiten Kammer des amerikanischen Parlamentes.
Unabhängig davon, wie viele Einwohner in den Vereinigten Staaten leben, bleibt diese Zahl konstant. Von den Ergebnissen der alle zehn Jahre
stattfindenden Volkszählungen hängt es aber ab, wie diese Sitze verteilt werden. Entsprechend der Zahl ihrer Einwohner bekommen die einzelnen Bundesstaaten einen Teil der 435 Sitze. Die große amerikanische Völkerwanderung des vergangenen Jahrzehnts, vom klassischen Kernland im Nordosten in die Südstaaten und in den Westen, spiegelt sich auch in der neuen Sitzverteilung wieder. Die Staaten New York und Pennsylvania verlieren jeweils zwei Sitze, Florida, Georgia und
Arizona gewinnen dagegen
jeweils zwei. Auch Kalifornien, der seit langem bevölkerungsreichste amerikanische Bundesstaat, ist weiter gewachsen und bekommt einen Sitz mehr. Künftig werden demnach dreiundfünfzig Abgeordnete den “Goldenen Staat” in Washington vertreten.
In einem nächsten, ebenfalls von der Verfassung vorgeschriebenen Schritt müssen nun die einzelne Bundesstaaten die Grenzen ihrer Wahlkreise so festlegen, daß jeder Repräsentant möglichst die gleiche Menge an
Bürgern repräsentiert. Da die Zahl der Bürger ja angeblich mit der außergewöhnlichen Präzision von zehn hoch minus acht bekannt ist, sollte diese Neueinteilung der Wahlkreise eigentlich kein Problem sein. Wer aber die Pressemitteilung des mit der Volkszählung beauftragten Census Bureau in Washington genau liest, findet darin den Satz, daß insgesamt nur 67 Prozent aller amerikanischen Haushalte den Zählbogen ausgefüllt zurückgeschickt haben. Etwa ein Drittel der Amerikaner hat damit überhaupt
nicht an der Volkszählung teilgenommen.
Der Genauigkeit der Zahlenangabe von einem Millionstel Prozent steht nun die Tatsache gegenüber, daß etwa dreißig Prozent der Amerikaner überhaupt nicht gezählt wurden. Einen derart eklatanten Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es wohl selten. Bis zum Frühjahr will das Census Bureau nun aus den vorhandenen, fürwahr ungenauen Zahlen mit statistischen Modellen berechnen, wie viele Amerikaner es
nun wirklich gibt und wo sie wohnen. Diese Modellzahlen sollen dann als Grundlage für die Festlegung der neuen Wahlkreisgrenzen gelten.
Allerdings fußt dieser Vorgang nicht nur auf ungenauem Zahlenmaterial. Er wird auch von politischen Grabenkämpfen begleitet, denn jede der beiden Parteien will die neuen Grenzen zu ihrem Vorteil verlaufen lassen. Die Amerikaner bezeichnen dieses sich oft in dunklen Hinterzimmern abspielende Tauziehen mit
“gerrymandering”. Das Wort hört sich nicht nur wie ein Schimpfwort an, es wird auch meist im abfälligen Sinne gebraucht. Wenn dann in zwei Jahren der neue Kongreß auf der Grundlage der neuen Wahlkreisgrenzen gewählt wird, stehen erstmals zwei der drei Gewalten der amerikanischen Demokratie auf statistisch wackeligen Füßen. Bush wurde nicht Präsident, weil er mit Gewißheit die meisten Stimmen erhielt, sondern weil das Oberste Gericht dem Auszählungsverfahren ein Ende bereitet hat. Sein
Stimmenvorsprung im umstrittenen Bundesstaat Florida betrug nur etwa ein Hundertstel Prozent und war damit wesentlich kleiner als die in dem Zählverfahren steckende Fehlermarge (siehe F.A.Z. vom 23. November).
Gleichzeitig repräsentieren die Abgeordneten der zweiten Kammer auf dem Kapitolhügel dann Wahlkreise, deren Einwohnerzahl nur mittels statistischer Modelle ermittelt werden konnte. Gelegentlich fragt sich der ausländische Beobachter, ob das
strenge deutsche Einwohnermeldesystem nicht vielleicht doch Vorteile hat.
HORST RADEMACHER
