Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Mai 2001
Fünftausend Lire auf Don Camillo
Bei den italienischen Parlamentswahlen von 1948 durften die Wähler an
einer Wette teilnehmen / Von Thomas Schmid
MAILAND, im Mai. In vielen Betrieben und Bekanntenkreisen ist sie ein beliebtes Spiel vor jedem Urnengang: die Wahllotterie. Derjenige, dessen Schätzungen am Wahlabend nach Vorliegen der Hochrechnungen dem tatsächlichen Ergebnis am nächsten kommen, streicht die gesamte Summe ein. In Italien, einem Land, in dem das Spielen Tradition hat, gab es sogar einmal einen Versuch, eine Wahllotterie im ganzen Land einzuführen, ihr einen ganz offiziellen Charakter zu geben – und sie sogar mit einem Hauch von politischer Volkspädagogik auszustatten.
Es war das Jahr 1948. Die ganz große, die Kommunisten einschließende Koalition aller antifaschistischen Parteien war unter dem Eindruck des auch in Italien beginnenden Kalten Krieges zusammengebrochen. Zur ersten Parlamentswahl seit Einführung der neuen Verfassung traten sich in einem äußerst leidenschaftlich geführten Wahlkampf zwei Parteien, genauer: zwei Blöcke entgegen: auf der einen Seite die christlich-demokratische Partei DC und auf der andern Seite der Fronte Nazionale Democratico (Nationaldemokratische Front), in der Kommunisten als führende Kraft mit den Sozialisten zusammengeschlossen waren. Nie zuvor und nie später haben die Parteien von Don Camillo und Peppone derart erbittert gegeneinander gekämpft.
In dieser Situation kam eine Gesellschaft, die sich Sistema nannte, auf die Idee, das Lottoprinzip auf die Wahlen zu übertragen. Nach dem Vorbild der 1946 eingeführten Fußball-Lotterie “Totocalcio” plante sie eine Wahl-Lotterie, die entsprechend “Totalvoto” heißen sollte. Sie schickte Vertreter kreuz und quer durch das winterliche Italien, die die Lotteriescheine verteilten, Auf diesen waren auf der Vorderseite in alphabetischer Reihenfolge die elf wichtigsten Wahllisten eingetragen, eine zwölfte Rubrik war den “anderen Listen” reserviert.
Wer an der Lotterie teilnahm, mußte in jede Rubrik möglichst genau die Zahl der Sitze eintragen, die die Parteien in der Abgeordnetenkammer haben würden. Je näher man dem Ergebnis kam, desto höher würde der Gewinn ausfallen. Auf der Rückseite war noch einmal die Hauptfrage formuliert: “Wie wird die Abgeordnetenkammer zusammengesetzt sein?” Es folgten akribisch genau die Modalitäten der Teilnahme, und auch für allfällige – im demokratieunerprobten Italien durchaus denkbare – Krisenfälle war vorgesorgt: Sollte der Wahltermin verschoben werden, behielten Wette und Wetteinsatz ihre Gültigkeit. Sollten die Wahlen, aus welchen Gründen immer, gar nicht stattfinden, würde der Betrag auf die Lira genau zurückerstattet. Die Fußball-Lotterie “Totocalcio” war aus naheliegenden Gründen über den neuen Konkurrenten nicht erfreut und wies seine lokalen Mitarbeiter an, die neue Lotterie möglichst zu behindern: “Es ist notwendig, jene Sammelstellen genauestens zu beobachten, die diese Scheine angenommen haben.”
Neben dem spielerischen hatte “Totalvoto” durchaus auch einen erzieherischen Sinn. Die politische Situation in Italien war äußerst angespannt und
polarisiert – und insbesondere die christlich-demokratische Partei, die im Süden und bei den Bauern einen Großteil ihrer Anhänger vermutete, hatte die Sorge, daß
ebendiese in weit geringerer Zahl an die Urnen gehen würden als die hochpolitisierte Anhängerschaft der Kommunisten. “Totalvoto” war also auch ein Versuch, mit winkenden Gewinnchancen die konservativen Wähler zum Gang an die Urne zu verführen.
Das Wahlergebnis vom 18. März 1948 war eine große Überraschung. Es war – in Zeiten, die die verfeinerte Demoskopie noch nicht kannten – ein Kopf-an-Kopf-Rennen vermutet worden, und niemand konnte wissen, wie Italien in den ersten freien Parlamentswahlen nach dem Ende des Faschismus wählen würde. Die DC und Don Camillo erwiesen sich als eindeutige Sieger: Mit 305 von damals 574 Sitzen lag die DC weit vorne und stellte die absolute Mehrheit der Abgeordneten, das linke Bündnis, das von dem legendären Togliatti angeführt wurde, kam nur auf 183 Sitze. Es begann die über vierzig Jahre währende Herrschaft der DC.
Wieviel in die Lotterie eingezahlt worden war und wer wieviel gewonnen hat, ist – wie die Zeitschrift “diario” berichtet – nicht überliefert. Wir wissen nur, daß der Finanzminister anordnete, die staatlichen Anteile der Gesamtsumme in den Fonds abzuführen, der zur Unterstützung von Arbeitern eingerichtet worden war, die des Winters wegen ihren Arbeitsplatz vorübergehend verloren hatten
